Toxische Positivität

oder Gute Gefühle maximieren, schlechte Gefühle ausradieren.
09.12.2020

 

Kein neues Phänomen und doch eins, dass in Krisenzeiten ganz besonders dominant in den Sozialen Medien auftritt. Ihr kennt es vielleicht auch, zum Beispiel als Mutter: ich liebe meine Kinder und meinen Mann und doch sehne ich mich gerade jetzt nach mehr Me-Time. Ich weiß, es wird irgendwann vorübergehen, aber ich habe das Gefühl, ich kann einfach nicht mehr auf meine persönlichen Momente warten zugunsten der Familie. Und just in dem Moment, indem ich den Gedanken zu Ende gedacht habe, überfällt mich das schlechte Gewissen... Es geht allen so zur Zeit... Wieso denke ich so egoistisch... Als Erwachsene muss ich doch imstande sein, das rational bewerten und entsprechend handeln zu können. Oder wie meine Eltern es gerne sagen: Kneifste halt mal die Pobacken zusammen!

 

Was mir jetzt hilft, ist ein positiver Blick auf die Situation und vor allem auf meine Gefühle. Was soll daran giftig sein? Grundsätzlich ist das natürlich richtig. Was beim Phänomen „Toxische Positivität“ aber fehlt, ist der Realitäts-Check. Das Giftige ist die Einteilung in Gut und Böse. Beispiele sind Botschaften wie „Good vibes only“, „Fuck depression“. Jamie Long, Klinischer Psychologe aus Texas beschreibt das Problem so: „Wenn man sich dazu entscheidet, Situationen nur aus einer einzigen Perspektive zu bewerten – in diesem Fall der positiven – vernachlässigt man seine wahren Gefühle.“ Man betrügt sich , um die echte Emotion. Und man lernt in der Zukunft negative Gefühle zu vermeiden. Long: „Wir verlieren die Verbindung zu unserem Selbst. Wir setzen die Maske (der Fröhlichkeit) auf und die Lücke, die bleibt, füllen wir mit Scham.“[1]

 

Aber was können wir dann tun, um die good vibes wieder zu spüren? Wir sollten auf belastende Gefühle  mit Akzeptanz und Selbst-Mitgefühl reagieren. Oberflächliche Positivität ist vergänglich. Aber seine Gefühle als erstes mal bewusst wahrzunehmen und anzuerkennen ist nachhaltig. Indem wir auch mal traurig, niedergeschlagen oder auch p...wütend sind, hat echte Freude wieder Platz.

 

Was uns helfen kann, sind zum Beispiel Dankbarkeits-Rituale für mehr Resilienz. Denn eine Krise macht nicht nur traurig und niedergeschlagen, sie hilft uns auch resilienter zu werden. Wenn wir den richtigen Umgang damit finden können... Aber dazu mehr demnächst.

 

Wie können wir uns und anderen helfen? Wenig hilfreich sind Sätze wie: „Es könnte schlimmer sein“ oder „Alles passiert aus einem guten Grund.“ Stattdessen sollten wir ein Angebot machen, zuzuhören und teilzuhaben an den Momenten; „Ich bin für Dich da“, Du kannst Dich jederzeit an mich wenden, egal wie Du Dich fühlst“, „Das ist schlimm, ich fühle mit Dir“. Wichtig ist hierbei, nicht zu vermitteln oder zu denken, dass die Gefühle unangebracht oder unnötig sind, sondern echt!

 

Emotionen sind als allererstes mal Informationen, subjektive Wahrnehmungen. Sie teilen uns wichtige Dinge mit. Deswegen lohnt es sich genau hinzuhören. Wenn man zum Beispiel Angst hat, genau zu schauen, was die Angst auslöst. Ängstlichkeit wird im Sinne der Toxischen Positivität negativ bewertet. Mir fallen aber auch spontan positive Attribute ein: Angst macht mich aufmerksam, sie lässt mich meine Umgebung genauer beobachten und sie kann mich in vielen Situationen schützen. Aber Vorsicht: Ich will damit nicht sagen, dass Angst ne total coole Socke ist und deswegen mehr Raum in meinem Leben einnehmen sollte. Ich möchte nur die zwei Seiten der Medaille zeigen. Sobald uns ein Gefühl, eine Emotion nicht mehr loslässt, ist es Zeit sich Hilfe zu holen. Und zwar nicht bei Dr. Google, Insta und Facebook, sondern bei Freunden, Familie oder auch Ärzten.

Dr. Susan David, klinische Psychologin und Autorin des Buches "Emotional Agility" beschreibt Verhaltensweisen, die uns helfen sollen, uns vor der Falle der Toxischen Positivität zu schützen. Die Wichtigste davon, finde ich, ist: "Deine Werte weisen Dir Deinen Weg". Ich werde an dieser Stelle nicht das große Werte-Fass aufmachen. Die unter Euch, die sich schon damit auseinandergesetzt haben, kennen bestimmt gute Tools und Methoden, sich der eigenen Werte wieder bewusst zu werden, wenn sie aus dem Fokus geraten. Für alle anderen... dranbleiben - dazu gibt es demnächst auch einen Beitrag.

 

In einem amerikanischen Blog [2] habe ich eine schöne Liste gefunden zu den Anzeichen von Toxischer Positivität, die ich zum Schluss noch gerne mit Euch teilen möchte:

1.     Die eigenen wahren Gefühle verstecken / maskieren.

2.     Einfach weitermachen, ohne die wahren Gefühle zu beachten.

3.     Sich schämen für negative Gefühle.

4.     Die Gefühle anderer verharmlosen durch Good Vibes Only-Sprüche.

5.     Anderen eine positive Perspektive anbieten (z.B. „Es könnte schlimmer sein.“) anstatt zuzuhören und die Gefühle anzuerkennen.

6.     Anderen vermitteln, es sei unangemessen, negative Gefühle zu äußern.

7.     Über Dinge, die Dich belasten einfach hinwegzugehen, mit Sprüchen wie. „Es ist wie es ist“.


[1] Eigene Übersetzung. Quelle: https://edition.cnn.com/2020/09/17/health/toxic-positivity-mental-health-wellness/index.html, abgerufen am 09.12.2020 [2] Eigene Übersetzung. Quelle: https://thepsychologygroup.com/toxic-positivity/, abgerufen am 09.12.2020